Evangelische Kindertagesstätte Baur de Betaz

Außerhalb 16 - 64678 Lindenfels
Tel. 06255 / 624, Fax 06255 / 968 808

Woher kommt der Name „Baur de Betaz“?

(von Peter C. Woitge)

Seit 1993 führt der Kindergarten der evangelischen Kirchengemeinde Lindenfels den Namen Baur de Betaz“. „Woher kommt dieser Name?“ wird immer wieder einmal gefragt. Deshalb soll hiermit etwas zur „Aufklärung“ beigetragen werden.

Die Lindenfelser kennen natürlich die Wilhelm-Baur-Straße und auch das Haus „Baureneck“ (auch Haus Baur de Betaz genannt). Im Schenkenberg gibt es den „Wilhelm- und Meta-Felsen“. Alle diese Namen weisen auf eine bekannte und allseits geschätzte Familie hin, die in der Zeit von 1821 bis 1991 in Lindenfels ansässig war. Was diese Familie so angesehen und bekannt gemacht hat, hing in erster Linie mit ihrem sozialen Engagement für unsere Stadt und ihre Bürger zusammen.

Angefangen hat alles damit, dass im Jahre 1821 Ludwig Friedrich Baur vom Darmstädter Großherzog nach Lindenfels versetzt und als „Großherzoglich hessischer Revierförster“ hier bis 1838 seinen Dienst tat. Er kam mit Frau und 5 Kindern in Lindenfels an und bezog ein Haus in der jetzigen Wilhelm-Baur-Straße - das Haus mit der heutigen Nr. 17. Weitere 6 Kinder wurden in Lindenfels geboren, sodass es schließlich eine Familie mit 11 Kindern wurde.

Eines der in Lindenfels geborenen Kinder, und zwar das im Jahre 1826, war Wilhelm Friedrich Baur. Er war derjenige, der sozusagen den Lindenfelser Stamm der Familie Baur begründete und nach dem auch die Wilhelm-Baur-Straße benannt wurde. Zunächst musste Wilhelm Baur allerdings von Lindenfels Abschied nehmen, als sein Vater 1838 wieder versetzt wurde und die Familie nach Griesheim zog. Schulbesuch in Darmstadt, Theologie-Studium in Gießen, Prediger-Seminar in Friedberg, Pfarrstellen in Arheilgen, Bischofsheim, Ettingshausen und Ruppertsberg waren weitere Stationen in seinem Leben. Der inzwischen durch seine hervorragenden Predigten gute Ruf von Pfarrer Wilhelm Baur führte ihn 1865 nach Hamburg an die St. Anscharkapelle - Teil der großen St. Michaelisgemeinde und Zentrum der Stadtmission. Hier erhielt er 1872 den Ruf als Hof- und Domprediger nach Berlin. Sein dortiges Wirken wurde u.a. mit der ihm 1877 verliehenen Ehrendoktorwürde der Berliner Universität anerkannt. Die Zeit am Berliner Dom endete im Jahre 1883 mit seiner Berufung zum Generalsuperintendent der Rheinprovinz mit Sitz in Koblenz, wo er bis zu seinem Tode 1897 wirkte. Im Jahre 1855 hatte Wilhelm Baur seine Frau Meta, geb. von Betaz, geheiratet, die 1828 in Bückeburg geboren war. Sie entstammte einer alten waadtländischen Familie. Das Waadtland (franz. Vaud ) ist ein Kanton in der Westschweiz zwischen dem Neuenburger- und dem Genfer See mit der Hauptstadt Lausanne. Ihr Großvater war nach Hessen ausgewandert und in Kassel Inspektor des Französischen Hospitals gewesen. Meta von Betaz hat in ihrer glücklichen Jugendzeit mehrere Reisen nach England gemacht. Sie war u. a. Hofdame am anhaltinischen Hof in Dessau, kam nach Wiesbaden-Biebrich und lernte Wilhelm Baur in Arheilgen kennen.

Das Ehepaar Meta und Wilhelm Baur hat zahlreiche vom christlichen Geist geprägte soziale Einrichtungen begründet und diese zeitlebens gefördert. Um nur einige der wichtigsten zu nennen: Mitarbeit am Aufbau der Inneren Mission in Deutschland, die "Magdalenensache" (Hilfe für Prostituierte), Armenpflege, der internationale Verein „Freundinnen junger Mädchen“.

Für Lindenfels war die Familie ein Glücksfall. Wilhelm Baur zog es seit 1860 immer wieder nach Lindenfels. 1874 kaufte er das ehemalige Pfarrhaus, das heutige Haus „Baureneck“, um hier seine Ferien zu verbringen und auch später sesshaft werden zu können. Einige Jahre später hat er die Gründung des ersten Kindergartens in Lindenfels, die „Kleinkinderschule“, veranlasst, die von ihm größtenteils auch unterhalten wurde.

1887 wurde das Armenhaus „Salem“ gestiftet, 1891 das Krankenhaus „Bethesda“. Es waren dies zwei Häuser im Schlierbacher Weg, deren Errichtung er wohl seinem Sohn Gustav übertrug, der auch als Eigentümer eingetragen wurde. Beide Gebäude existieren im umgebauten Zustand als Wohnhäuser noch heute. Der Kindergarten befand sich ebenfalls im Haus „Bethesda“ im Erdgeschoss, während oben die Krankenstation war. Es ist das heutige Haus Nr. 16.

Wilhelm Baur liebte die Natur, Lindenfels und den Odenwald. Er machte u.a. in Berlin Werbung für seine Heimat und lockte viele „hohe Herrschaften“ nach Lindenfels. Er gehört zu den Förderern und Begründern des Kur- und Fremdenverkehrs.

Die Stadt Lindenfels ehrte ihn im Jahre 1877 mit der Verleihung des Ehrenbürgerrechts. Wilhelm Baur konnte seinen Ruhestand in Lindenfels leider nicht erleben, er starb kurz vor seiner Pensionierung 1897 in Koblenz und wurde in Lindenfels begraben.

Seine Frau Meta, seine Schwägerin aus Bremen (Frau Mirow) und sein Sohn Gustav, der ab 1913 auf Grund einer Großherzoglichen Genehmigung den Familiennamen Baur de Betaz führte, setzten das segensreiche soziale Engagement der Familie fort.

Gustav, der als erster von zwei Söhnen 1857 geboren wurde, wählte die Militärlaufbahn, avancierte zum Königl. Preußischen Oberstleutnant und war Fürstl. Erbachscher Schlosshauptmann auf Schloss Schönberg ( Bensheim).

Unterstützt von seiner Frau Auguste, genannt Uta, begründete er im Jahre 1919 die „Baur de Betaz“- Stiftung. Seine Frau stammte aus einer brabantischen Familie, seit dem 30-Jährigen Krieg in Osthofen/Rheinhessen angesiedelt war.

Die Stiftung führte unter maßgeblicher Beteiligung der evangelischen Kirchengemeinde, der Stadt und der Familie Baur de Betaz die sozialen Einrichtungen weiter. Die beiden Häuser im Schlierbacher Weg wurden verkauft. In der Wilhelm-Baur-Straße entstand um 1919 ein neuer Kindergarten (im heutigen „Haus der Vereine“) und daneben die Kranken- und spätere Schwesternstation „Haus Bethesda“ (heute als Wohnhaus genutzt). Für sein soziales Wirken im Rahmen der Stiftung und darüber hinaus für die ständige Unterstützung von bedürftigen Menschen in Lindenfels wurde auch Gustav Baur de Betaz - wie sein Vater Wilhelm mit der Ehrenbürger-Würde der Stadt Lindenfels ausgezeichnet. Sein Spitzname „Quetschekopp“ ist älteren Lindenfelsern noch heute in guter Erinnerung.

Als er 1937 starb, übernahm sein Sohn, Generalleutnant Wilhelm (genannt Wilms) Baur de Betaz (1883-1964) den Vorsitz in der Stiftung. Ihm folgte seine Witwe Carla, geb. Freiin v. Kittlitz und Ottendorf. Die Stiftung ging 1968 an die Stadt Lindenfels über und mit dem Tod von Carla Baur de Betaz 1991 erlosch dieser Familienname, der für Lindenfels eine so große Bedeutung erlangt hatte. Die Grabstelle der Familie befindet sich neben der Friedhofshalle und wird jetzt von der Stadt unterhalten.

Im Jahre 1977 wurde der neue Kindergarten am Almenweg gebaut, denn der alte Kindergarten in der Wilhelm-Baur-Straße war viel zu klein geworden. Außerdem galt es, die Kinder aus den 1972 in Lindenfels eingegliederten Stadtteilen zu integrieren. Von der Stadt erbaut, führt seither die evangelische Kirchengemeinde den Kindergarten, der den Namen der in Lindenfels so segensreich wirkenden Familie Baur de Betaz führt.